Mario Lippold - "Wirre Gedanken auf Intensiv - Stunden der totalen Überwachung"

Geschafft! Das zweite Mal diesen schwierigen Eingriff überstanden. Nun heißt es wieder eine Nacht und einen Tag auf Intensivstation verbringen. Na ja, letztes Mal ging ja auch alles gut. Warum soll es diesmal anders laufen? Ist ja nur zur Überwachung.

Was ist denn das? Eine Begrüßung durch eine nette und verdammt gut aussehende Schwester! Ah, Petra heißt sie. Da kann ja nichts mehr schief gehen. Hoffentlich steigt nicht mein Blutdruck bei diesem Anblick. Nicht dass wieder die Punktionsstelle in der Leiste aufgeht. Ich werde ihr einfach nur in die Augen schauen. Dann passiert schon nichts. Ach, ein Pfleger kommt auch noch. Was zieht der denn für ein Gesicht?
Mist, jetzt machen die auch noch Schichtübergabe. Die süße Petra geht und der Miesepeter bleibt. Das kann ja noch lustig werden. Von einem „Guten Tag“ und einer Vorstellung hält der wohl auch nichts? Okay, nenne ich ihn mal Alfred. Ah, jetzt fragt mich Alfred doch noch, wie es mir geht. „Na ja, kann eigentlich nicht klagen“, antworte ich Alfred in der Hoffnung auf eine nette Unterhaltung. Hat mich Alfred jetzt verstanden? Er verzieht keine Miene, sagt nichts und geht einfach.

Ach so, ich soll ja meine Niere spülen. Wo ist hier was zu trinken? Ich sehe nichts. Werde ich mal nach Alfred klingeln. Irgendwie scheint die Klingel nicht richtig zu funktionieren. Jetzt geht’s doch. Nach dem fünften Versuch. Hoffentlich brauche ich diese Klingel nicht mal für den Notfall. Da kommt ja schon Alfred. Er hat einen Blick, als wolle er mich gleich in den Boden stampfen. „Was ist denn los?“ fragt Alfred. „Ich bräuchte bitte etwas zu trinken.“ - „Und deswegen klingeln Sie? Sie sind hier nicht der einzige Patient!“ gibt mir Alfred zu verstehen. Was geht denn jetzt los? „Sie werden entschuldigen. Ich bin nierentransplantiert und muss die Niere wegen des erhaltenen Kontrastmittels spülen“, versuche ich mein „unverschämtes“ Verhalten zu rechtfertigen. Jetzt geht Alfred einfach. Ob er mich verstanden hat und mir was zu trinken bringt? Da ist Alfred ja schon wieder. Und mit etwas zu trinken. Kurz hellt sich meine Miene auf, um sich sofort wieder zu verdunkeln. Zu früh gefreut. Er stellt mir das Getränk auf den Nachttisch. Ob er sich wohl überlegt hat, wie ich da mit meinem Druckverband und dem Bein, das ich nicht bewegen darf, rankomme? Ein „Dankeschön“ kann ich gerade noch loswerden. Und schon ist Alfred wieder verschwunden.

Wie mache ich das jetzt? Durst hab ich, trinken soll ich, und das Getränk steht bereit. Aber wie komme ich 'ran? Alfred will ich nicht noch mal rufen. Nicht, dass er noch denkt, ich kann ohne ihn nicht mehr leben. Okay, ich hab' doch hier am Finger das Kabel für die Messung der Sauerstoffsättigung. Das kann ich doch mal kurz entfernen, ohne dass es gleich Alarm gibt. Und ich könnte es um den Griff des Nachtschrankes legen und ihn damit heranziehen. Gesagt getan. Schon hab ich mein Getränk in Reichweite. Und ohne Alfred. Wozu ist der eigentlich hier? Vielleicht finde ich es ja noch heraus.

Als Alfred wieder im Zimmer ist, frage ich ihn todesmutig: „Könnten Sie mir bitte den Fernseher anschalten?“ Überraschend und in seiner einzigartigen und unüberhörbaren Wortlosigkeit schaltet er mir sofort den Fernseher an. Dadurch ermutigt, frage ich ihn noch, ob er mir Programm 20 einstellen könnte. Das war erwartungsgemäß zuviel.

alfred„Das können Sie doch auch selber“, schnauft er mich an und stellt mir das Telefon zum Einstellen der Sender auf einen für mich nicht erreichbaren Hocker. Okay, dann werde ich mir wohl die Sendung mit der Frau K. anschauen müssen. Ihr wisst schon, die Hobbypsychologin von SAT1. Allerdings frage ich mich bei dieser Sendung schon nach wenigen Minuten, ob nicht der Kalk, den sie mir gerade aus dem Herz entfernt haben, irgendwelche Schäden in meinem Gehirn hinterlassen hat. Was haben manche Leute nur für Probleme?! Was soll’s, mache ich mir Mut, wer Alfred ertragen kann, der kann auch solche Sendungen ertragen.

Wie ich noch über bleibende Schäden an meinem Gehirn nachdenke, kommt eine hübsche Schwester im Zimmer vorbei und bemerkt sofort, dass ich nicht an das Telefon kommen kann. „Kommen Sie denn da heran?“ fragt sie mich mitleidsvoll. „Nein, nicht wirklich“, hauche ich ihr zu. Und eh ich mich versah, steht das Telefon in meiner Reichweite. „Sie sind ein Schatz. Recht vielen Dank!“, und schon ist auch Frau K. Geschichte.

Es wird bereits dunkel, und der nächste Schichtwechsel steht an. Vielleicht wieder eine zweite Petra? Schön wär’s. Nein, keine Schwester, sondern wieder ein Pfleger. Und dabei habe ich noch nicht mal herausgefunden, für was Alfred eigentlich hier war. Heut' geht aber auch alles schief. Aber er scheint nett zu sein. Nicht wie Alfred. Er stellt sich vor „Hallo, ich bin der Peter“ und macht gleich einen kleinen Schwatz mit mir. Na, das hebt doch gleich wieder meine Stimmung. Was so einige wenige nette Worte doch ausmachen können. Das sollte man Alfred mal sagen!

Noch geschafft von dem Eingriff und vielleicht auch etwas von Alfred, wache ich nach einigen Stunden Schlaf wieder auf. Peter ist im Zimmer: „Na, gut geschlafen? Es war nicht zu überhören.“ Oh Mist, habe ich wieder Holz gesägt? „Hab ich aber schon viel schlimmer erlebt“, meint Peter. Na, Gott sei Dank. Da bin ich ja beruhigt.
So, erst mal die Lage sondieren. Ja, alle Schläuche noch dran. Keine Nachblutung in der Leiste. Keine Rhythmusstörungen. Dann ist ja die Normalstation schon fast in Reichweite.

Der nächste Schichtwechsel steht an. Peter verabschiedet sich mit einem netten Schwatz von mir. „Ciao, vielleicht sieht man sich ja mal wieder“, ruft mir Peter noch im Gehen zu.
Ja, aber bloß nicht auf der Intensivstation, denke ich noch so bei mir, als die neue Dienstschwester den Raum betritt. Ja, macht auch einen ganz netten Eindruck. Werde ich doch gleich mal ihre Belastbarkeit testen und sie um etwas zu trinken bitten. „Steffi (so hat sie sich vorgestellt), können Sie mir bitte etwas zu trinken bringen?“ frage ich sie noch etwas zurückhaltend. „Geht sofort los“, meint sie und ist schon unterwegs. Sie kommt zurück und stellt mir das Getränk nicht etwa einfach auf den Nachttisch. Nein, sie schenkt es mir sogar noch in meine lustige Schnabeltasse ein. Ein freudiges „Dankeschön!“ rufe ich ihr zu. Was würde wohl Alfred denken, wenn er das gesehen hätte?

Ich grüble noch darüber nach, als mir Steffi auch schon das Frühstück bringt. Vorsichtshalber werde ich mal nicht soviel essen. Schließlich muss ich mit dem Stuhlgang noch einige Stunden durchhalten. Den „beliebten“ Schieber möchte ich um nichts in der Welt benutzen müssen. Eventuell hätte ich es ja bei Alfred mal in Angriff genommen. So als kleine Geste der Wertschätzung. Und damit er wenigstens einen bleibenden Eindruck von mir hat. Aber bei Steffi? Nein, da würde ich das nicht machen. Da trinke ich lieber noch etwas. Ist gut für die Niere, und mit der Ente kommt man doch etwas besser zurecht. Nach dem Frühstück fragt mich Steffi, ob es mir geschmeckt hat. „Ja, Frühstück ist im Krankenhaus doch immer das Beste. Natürlich erst nach der netten Schwester“, höre ich mich schon wieder schleimen. Der Beweis, dass es mir wieder zunehmend besser geht.

So, jetzt fehlt mir zu meinem Glück nur noch die Visite mit der Nachricht, dass ich wieder auf die Normalstation komme. Kurze Zeit später ist sie auch schon da. „Herr Lippold, Sie werden dann auf Ihre Station zurückverlegt. Bei ihrem Zustand haben Sie bei uns nichts mehr verloren.“ „Ja, das sehe ich auch so!“ bestätige ich dem Arzt seine Diagnose. Ich frage mich eh, was ich hier gemacht habe. Aber sicher ist halt sicher. Und auf der Intensivstation ist man doch wesentlich besser überwacht. Und nicht zuletzt durch meinen Freund Alfred durfte ich sie kennenlernen –die totale Überwachung.

PS:
Für diejenigen, die es glauben: Die Geschichte und die Namen sind natürlich frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind selbstverständlich rein zufällig.
 

Mario Lippold